Masterkolumne | Nachrichten aus dem Diesseits

17.12.2017
Studium, Masterkolumne
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All work and no play.

In 46 Tagen um den Verstand gebracht, aber heil angekommen: Der eigene Schreibprozess als Selbsterfahrung. Eine Retrospektive.

 

Hallo von der anderen Seite, ich habe es geschafft. Ich habe geschrieben und abgegeben. Obwohl die Live-Dokumentation meiner persönlichen Alpenquerung entfallen ist, will ich hier versuchen, meine Schreiberfahrungen noch einmal möglichst genau nachzuvollziehen und die sechs Wochen (46 Tage) Selbstüberwindung postnatal zu dokumentieren. This dramatization is inspired by true events.

Tag 1: Gibt es einen besseren Tag, um etwas anzufangen, als einen Dienstag?! Mit Wochenbeginn eine Aufgabe angehen ist hart, aber Dienstag, da hat die Zeit schon den ersten Schritt für einen getan. Sozusagen. Wäre es nicht noch geschickter, an einem Mittwoch zu beginnen und quasi bereits ins Wochenende zu schauen...? Zugegeben, es ist wohl ziemlich egal, an welchem Wochentag man sich endlich zusammenreißt. Hauptsache, man kann die eigene Wahl irgendwie auratisch aufladen und ritualisch rechtfertigen. Mit gesammelten Kräften und dem kalten Atem der Deadline im Nacken durchbreche ich die Zauderblockade – ich habe ausgerechnet, an vier Tagen die Woche jeweils drei Seiten schreiben zu müssen, wenn ich vor der Abgabe sechzig Seiten zusammen und noch zwei Wochen Korrekturzeit haben will. Eine recht gemütliche Rechnung, oder? Als jemand, der einige Hausarbeiten vom ersten bis zum letzten Wort in einer Nacht geschrieben hat, misstraue ich meinem Plan und vor allem meinem Durchsetzungswillen jedoch schon von Beginn an. Trotzdem schaffe ich am ersten Tag drei Seiten und fühle mich leicht euphorisch.

Tag 2 und 3: Jeden Tag drei Seiten! Das funktioniert hervorragend! Es gibt keinen Grund, an mir zu zweifeln. Die Einleitung wird bald fertig sein. Und nach der Einleitung geht bekanntlich alles noch viel schneller!

Tag 4: Mein Fortschritt in dieser kurzen Zeit ist unglaublich. Schon drei volle Tage bin ich zu einer vernünftigen Uhrzeit in die Uni gefahren, habe gut gearbeitet und weder Essen, Schlaf noch meine sozialen Beziehungen vernachlässigt. Ich bin un-be-sieg-bar. Und ich habe das kommende freie Wochenende so was von verdient. Dass ich heute nur etwas mehr als eine Seite geschrieben habe, ist nicht so schlimm, Qualität statt Quantität und so...

Tag 5 und 6: Ruhetage.

Arbeitspläne sind auch nur wortgewordene Hoffnungen

Tag 7: Sollte eigentlich auch ein Ruhetag sein. Gegen Nachmittag übermannt mich dann doch noch das schlechte Gewissen wegen der fehlenden 1,8 Seiten aus der letzten Woche. Unterbreche die Ruhepause leicht nervös.

Tag 8: Gestern habe ich zwei ganze Seiten geschrieben, obwohl ein Ruhetag war! Ich bin mir selbst und meinem Zeitplan weit voraus.

Tag 12 bis 14: Ruhetage.

Tag 16: Ist diese ganze Einleitungs- und Theoriesache nicht ein bisschen lang? Sollte ich vielleicht mindestens einen Aspekt streichen? Zum Beispiel den, für den ich nochmal recherchieren müsste, weil ich strenggenommen nur eine sehr vage Vorstellung davon habe, was ich eigentlich erklären will? Ich will den Leser nicht langweilen, aber auch nicht uniformiert wirken. Der Zwiespalt lähmt meinen Fortschritt beachtlich.

Tag 17: Überwinde die Lähmung und recherchiere tatsächlich. Tue so, als wäre das ganze Laufen und Kopieren und Kopieren und Laufen und Lesen super stressig. Bin insgeheim aber erleichtert, mal nur verstehen und nicht formulieren zu müssen. Ringe mir daher unwillig nur etwa eine Seite ab und erkläre das Thema für erledigt. Vertrete die Tatsache, dass ich mindestens fünf Mal so lange Material gesammelt wie geschrieben habe, indem ich von "starker Pointierung" spreche.

Einsteigen, Anschnallen, Fehlzündung

Tag 18: Endlich Textanalyse, endlich Inhaltskapitel! Das soll jetzt nicht heißen, dass die Kapitel vorher keinen Inhalt haben. Oder?

Tag 19 und 20: Ruhetage.

Tag 22 bis 25: Ich wünschte, ich wüsste mehr über die Bibel. Dieses Lexikon für Theologie und Kirche ist so schwer und sperrig beim Kopieren. Und egal welchen Begriff ich nachschlage, ich habe jedes Mal den falschen Band. Der richtige Band ist immer Band 3. Abendmahl? Siehe Eucharistie. Nahrung? Siehe Essen. Sündenfall? Siehe Erbsünde.

Tag 27: " Ruhe"-Tag, an dem ich die vernachlässigte Haushaltsarbeit der vergangenen 27+ Tage nachhole und die Bundestagswahlberichterstattung (dieses schöne Kompositum ist das Beste daran) als Kanal für meine angestaute persönliche Arbeits-Frustration nutze.

Tag 28: Der Versuch, einen Ruhetag nachzuholen, resultiert in fahrigen Schreibausbrüchen am frühen Abend. Ich habe das Gefühl, die Mauern der Bibliothek nicht zu lange verlassen zu dürfen, denn die freie Welt stellt eine gefährliche Versuchung dar. 

Die Arbeit wächst mit meinen Ansprüchen

Tag 29: Heute ist mir ein furchtbarer Fehler in meinem Plan aufgefallen. Bisher habe ich fleißig geschrieben, um meine täglichen und wöchentlichen Seitenziele zu erreichen. Dabei habe ich allerdings nicht bedacht, dass ich womöglich inhaltlich nicht hinterherkommen könnte. Ich bin irgendwo am Anfang des zweiten meiner drei Analysekapitel und habe schon über sechzig Seiten produziert. Offiziell habe ich die Erlaubnis, bis zu hundert Seiten abzugeben und mir wird klar, dass ich mich vom sechzig-Seiten-Plan verabschieden muss. Verabschieden muss ich mich außerdem davon, wie geplant Ende dieser Woche fertig zu werden und die Korrekturphase einzuleiten.

Tag 30: Ich muss noch mindestens eineinhalb Kapitel und ein Fazit schreiben. Was habe ich mir nur dabei gedacht, als ich dieses Thema konzipiert habe?

Tag 31: Drei Seiten am Tag ist jetzt kein Ziel mehr, sondern ein ziemlich stressiges Minimum. Bin allerdings zu dem Schluss gekommen, dass mehr als eine Woche Zeit für Korrektur und Druck auch gar nicht nötig ist und rede mir ein, dass ich dementsprechend doch auch eigentlich überhaupt nicht hinterherhänge.

Selig sind die gut Organisierten

Tag 32: Liebes Tagebuch, heute habe ich meine Haare kopiert.

Tag 33 und 34: Unruhetage.

Tag 36: Feiertage sind eine gute Rechtfertigung dafür, die gesellschaftlichen Konventionen bezüglich Alkoholkonsum tagsüber zu unterwandern.

Tag 37: Ich habe ins Lexikon für Theologie und Kirche geweint.

Tag 38 bis 40: Mein Nervositätslevel ist das eines Eichhörnchens auf Speed, dem man von der drohenden Artenverdrängung durch Grauhörnchen erzählt hat und das seine letzte Nuss auf dem Mittelstreifen einer fünfspurigen Autobahn vergraben hat. Ich schreibe bis zu sieben Seiten am Tag und stelle erneut fest, work-life-balance, gute Tees und Entspannungsübungen können einpacken, denn nichts motiviert so nachhaltig wie nackte Panik.

Tag 41: Ausversehen ein Ruhetag. Da mein Fazit noch nicht geschrieben ist, zeige ich mich der Welt mit dem Lächeln einer Person, die genau weiß, dass sie etwas Verbotenes tut und es deswegen nur halb genießen kann.

Das Ziel ist das Ziel

Tag 42: Ich schreibe sehr ungerne Fazits (ja, das ist der korrekte Plural). Ich habe nicht weniger als 95 Seiten gebraucht, um meine Argumentation darzulegen. Jetzt soll ich in ein paar Seiten nochmal präzise sagen, was ich eigentlich herausgefunden habe? Hey, Einstein, wie war das jetzt nochmal mit der Relativitätstheorie? Könntest du das nochmal auf den Punkt bringen – ich hab eher so durchgeblättert. Da ich aber nicht darum herum komme, so lange ich noch eine Note erwarte, breche ich mir noch ein paar Seiten abschließende Worte vom mentalen Zuckerhäuschen-Dachgiebel.

Tag 43 bis 46: Korrekturen einarbeiten, die Arbeit zum Drucker bringen, die Arbeit vom Drucker wieder abholen. Kreissaalgefühle, Realitätscheck. Abgeben. Cheers!

Tag 46+1: Gefühl, als hätte ich ein echt nerviges Haustier zur Adoption freigegeben. Entspannungsversuche. Wenn ich in mein Bier schaue, knistert der Schaum mir leise zu: ... Was jetzt?

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