Interview | Gespräch mit einem alten Hasen – Teil 2

03.01.2018
Studium, Über uns
db

Die Universität ist 2017 71 Jahre alt geworden. Zeit zurück zu blicken mit einem Studi, der die Entwicklung der Uni eine ganze Weile mit verfolgt und gestaltet hat.

Nachgereicht kommt nun ein Interview mit einem Urgestein des Campus. Hier ist Teil 2 (Teil 1) über die Veränderung der Lehre, das Aufkommen der Digitalität und die Vorteile des langen Studierens.

 

CM: Hast du Querbeet studiert oder nach Institutsplan?

Max: Das ist natürlich eine Sache, die im Bachelor/Master System ganz anders ist als im damaligen Magisterstudiengang. Man hatte viel mehr Freiheit, sein Studium selbst zu gestalten. Ich denke auch, dass ich in diesem Punkt mit meiner langen Studienzeit vielleicht nicht das beste Beispiel bin.
Aber die Selbstverantwortung, das Studium zu organisieren und sinnvoll aufzubauen und Themen, die einen wirklich interessieren mit anderen zu kombinieren, geht meines Erachtens im neuen System zu großen Teilen verloren. Die Modularisierung und die damit zusammenhängende Verschulung, bei der man vorgesetzt bekommt, was man zu machen hat, fördert eben nicht, dass die Studis selbstverantwortlich ihr Studium organisieren.
Wenn Studis für Bachelorarbeiten zum Teil Themen und wissenschaftliche Fragestellungen vorgesetzt bekommen, hat das leider für mich nur noch wenig mit dem akademischen Gedanken zu tun: Wie geht man an einen Themenkomplex heran, wie entwickelt man eine Fragestellung? Ich glaube da geht einiges verloren.

Ist eine Regelstudienzeit von sechs Semestern schlecht für die akademische Lehre?

Wenn es Studis schaffen, nicht wie ich, sondern wesentlich schneller zu studieren, dann ist das optimal. Aber im Endeffekt ist es schade, dass die Verschulung dazu führt, dass Studis sich oft nicht mehr so tief in Themen reindenken, nicht mehr so skeptisch sind, nicht mehr dazu angehalten sind, kritisch zu denken und auch selber zu überlegen, ob das der richtige Weg ist.
Mit der Bibliographie, die man in die Hand gedrückt bekommt, soll man die Fragestellung bearbeiten, die einem vorgesetzt wird – aber ein Glück ist das nicht überall so. Aber leider tauchen solche Vorgehensweisen in den letzten Jahren immer wieder auf und das war zumindest in den Geisteswissenschaften zu Zeiten des Magisters anders.

Was waren deine Pläne, bevor du 26 Semester an der Uni verbracht hast?

Dass ich so extrem lange studiere, hätte ich nicht gedacht. Aber richtige Pläne hatte ich noch nie. Hohe Ziele, zu denen ich Schritt für Schritt hinkommen wollte, habe ich in meinem Leben nie gemacht. Darüber bin ich auch ganz glücklich. Denn ich glaube, dass es zwar sinnvoll ist Pläne zu haben, weil man sonst eher ziellos durch die Gegend läuft. Aber sehr weit entfernte Ziele führen dazu, dass man sehr verbissen wird und wenig nach links und rechts schaut.
Deswegen fand ich es oft komisch, wenn Leute gesagt haben, dass sie unbedingt nach drei Jahren mit dem Studium fertig sein wollen und am Ende der Zeit gar nicht wussten, was sie mit ihrem Wissen machen wollen. Sie hatten dann einen Magisterabschluss, ein Diplom, Master oder Bachelor, aber standen da und wussten nicht so richtig wohin. Das war auf jeden Fall nie mein Ziel.

Du hast das Aufkeimen der digitale Technologien an der Uni miterlebt. Wie war das aus Studi-Sicht?

Ich habe angefangen, als es in der Universitätsbibliothek noch Zettelkästen mit Stichwort- und Autorenkatalogen gab. Es ist besser, dass man heutzutage in der wissenschaftlichen Arbeit eine E-Mail an einen Professor in den USA, Brasilien oder Polen schicken kann und innerhalb von Stunden ein Feedback bekommt.
Ich kann mir schon kaum mehr vorstellen, wie das vor 20 Jahren gewesen sein muss. Damals hätte ich nicht einmal erfahren, dass es da in den USA, Brasilien oder Polen jemanden gegeben hätte, der mir bei meiner Fragestellung hätte helfen können. Eine interessante Doktorarbeit hätte man damals mit der Post verschicken müssen und diese Kosten hätten viele nicht auf sich nehmen können.

Haben die digitalen Technologien denn keine Nachteile?

Es ist natürlich schwieriger geworden, sich zu fokussieren, weil man sehr viele Informationen bündeln muss. Man hat aber auf jeden Fall die Chance, Sachen auszuschließen, weil man sehen kann, dass andere Leute bereits daran geforscht haben. Digitale Technologien sind in der Wissenschaft meiner Meinung deshalb unabdingbar.
Zum Beispiel kann man in der Linguistik jetzt einen riesigen Textkorpus nach einzelnen Wörtern und teilweise auch semantischen und syntaktischen Zusammenhängen durchsuchen. Das wäre alles in dieser Geschwindigkeit und Quantität vor 20 Jahren nicht möglich gewesen. Deshalb glaube ich an die Vorteile der digitalen Technologien und habe mich auch im Senatsausschuss für Datenverarbeitung engagiert.
Da war ich jedoch manchmal auch der Skeptiker, der sagte, dass man nicht alles digital abbilden kann. Wenn wir beispielsweise bei der Lehre noch wenig digital arbeiten und dann alle Prüfungsformate digital gestalten, passt das nicht zusammen. Studis, die in ihrem ganzen Schul- und Studienleben nur Frontalunterricht und analoge Prüfungen geschrieben haben, müssen plötzlich in Prüfungssituationen vor den Rechner – das ist einfach nicht nett, weil das Hektik mit sich bringt und den Puls steigen lässt. Deshalb sind digitale Lösungen nicht immer die Nonplusultra.

Ist lange Studieren besser als kurz Studieren und sofort in den Beruf zu wechseln?

So einfach ist das nicht zu sagen, weil ich den Vergleich eben nicht habe. Ich habe zwar parallel immer gearbeitet, jedoch sehr selten in Vollzeit. Das lange Studium hat mir die Möglichkeit gegeben, verschiedene Sachen wesentlich intensiver zu betrachten. Die Umgebung an der Universität ermöglicht genau diese intensive Betrachtung. Der Gang in die Bibliothek ermöglicht es einem, in die Gedanken von interessanten Menschen abzutauchen. Und an der Uni kann man diese Menschen oft sogar persönlich treffen.
Gerade in meiner Zeit im Wohnheim habe ich viele internationale Studierende oder auch Gastdozierende getroffen. Diese Vielzahl an Sichtweisen, auch über Fachgrenzen hinweg, ist etwas Großartiges. Das muss nicht immer auf hohem Niveau in einem Arbeitsraum in der Bibliothek sein, sondern geht auch abends in der Wohnheimbar bei einem Bierchen. Dort stellt man dann mit einem amerikanischen Philosophiestudenten eine Fußballmannschaft von großen Philosophen auf: Man diskutiert, warum es einen Rechtsaußen und warum es einen linken Verteidiger gibt, der Hegel heißt und Marx sein linker Flügelstürmer ist. 
Diese Erfahrungen bleiben in Erinnerung und prägen. Das macht es eben aus, wenn man ein bisschen tiefer in die Uni eintaucht und sie nicht nur als Ort für viele Hörsäle sieht, zu dem man jeden Morgen hinfährt, zwei bis drei Seminare hat und wieder wegfährt. Gerade um das Gefühl zu haben, auf dem Campus zu leben – dafür ist die Mainzer Uni besonders gut geeignet. Die wenigsten deutschen Unis haben einen solch großen und zusammenhängenden Campus.

 

Teil 1 des Interviews über den Anfang einer Ära, regelmäßige Vorlesungen und ob Noten überhaupt wichtig sind gibts hier...

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