Interview | "Drei Tage nach dem Bombenanschlag hatte ich wieder eine Prüfung"

09.03.2017
Studium
hr

Fünf Jahre studierte Bashar an der Uni Aleppo. Im Gespräch blickt er auf seine Studentenzeit zurück und verrät seine Zukunftswünsche.

Wie ist es, wenn der Krieg einen zwingt, sein Studium abzubrechen und den kompletten Neustart zu wagen? Schwer sich vorzustellen und nicht einfach darüber zu reden. Ein Gespräch über Prüfungen zwischen den Kriegsfronten und einen nicht klein zu kriegenden Optimismus.

Mit einer großen Portion Neugierde schlendert Bashar Tarzi über dem Campus. Lange ist es her, dass er zuletzt eine Uni von innen gesehen hat. Fünf Jahre studierte Bashar an der Uni Aleppo, ehe er aus der syrischen Rebellenhochburg floh. Der Krieg in seinem Heimatland Syrien zwang den 26-Jährigen dazu, sein Studium abzubrechen und seine Familie hinter sich zu lassen. Als Flüchtling fand er über Irrwege nach Mainz. Mit Campus Mainz hat sich Bashar zu einem Campus Rundgang verabredet.

Hallo Bashar, du hast einen Rucksack auf und einen Collegeblock dabei. Damit bist du besser ausgerüstet für die Vorlesung als so mancher Studi hier am Campus.

(Lacht) - Ja, ich habe sogar Bücher im Rucksack. Ich komme gerade vom Deutsch-Sprachkurs und habe deshalb meine Unterlagen dabei. Es sieht wahrscheinlich wirklich so aus, als würde ich eine Vorlesung besuchen wollen.

Du hast eben selbst den Sprachkurs angesprochen. Wie oft besuchst du den Deutsch-Unterricht?

Jeden Tag von 8:30 - 12 Uhr besuche ich den Sprachkurs an der Volkshochschule Mainz. Das ist ähnlich wie in der Schule. Wir sind in einer Lerngruppe und haben einen Lehrer, der uns unterrichtet. Für den Nachmittag gibt es natürlich auch noch Hausaufgaben, die ich erledigen muss.

Das klingt nach einem anstrengenden Vormittagsprogramm?

Es geht. Natürlich bin manchmal richtig kaputt nach dem Unterricht und den Hausaufgaben. Gerade wenn ich für meine Abschlussprüfung des Sprachkurses lerne, ist es stressig. Aber gerade am Wochenende habe ich auch viel Freizeit.

Wie verbringst du deine Freizeit?

In meiner Freizeit engagiere ich mich ehrenamtlich bei der Caritas und helfe dort in der Kleiderspende mit. Ich sortiere Kleider vor und gebe sie an Bedürftige aus. Das macht mir sehr viel Spaß, weil ich anderen Leuten helfen kann und selbst neue Leute kennenlerne. Einmal in der Woche gebe ich auch Essen in der Teestube Mainz an Wohnungslose aus. Wenn ich viel Kontakt mit anderen habe, ist das hilfreich, um mein Deutsch zu verbessern. Aber natürlich treffe ich mich auch gerne mit Freunden, um Fußball zu spielen oder eine Tasse Tee zu trinken und einfach zu entspannen.

Du scheinst dich ja schon gut eingelebt zu haben. Wie lange wohnst du schon in Deutschland und seit wann bist du in Mainz?

Ich bin seit 1,5 Jahren in Deutschland und wohne seit Oktober 2016 in Mainz. Davor habe ich noch in Duisburg und Trier in Flüchtlingsunterkünften gewohnt. Mittlerweile habe ich in Weisenau eine Wohnung und man kann wirklich sagen, dass ich mich in Mainz sehr wohl fühle.

Deine Heimat ist die syrische Stadt Aleppo. Welche Gedanken und Erinnerungen verbindest du mit deiner Heimatstadt?

Ich kenne Aleppo als eine wunderschöne, belebte Großstadt. Ich bin dort geboren, aufgewachsen und habe dort angefangen zu studieren. Mein Vater besitzt dort eine Textilfabrik. Wenn du magst, kann ich dir auf google maps zeigen, wo unsere Straße liegt.

An den Unirechnern öffnen wir google maps und zoomen nah ans Stadtzentrum von Aleppo. "Dieser braune Bereich“, erklärt Bashar und deutet auf einen Straßenzug nah an seinem Haus, "das waren alles Wohnsiedlung, Häuser und Grünflächen. Jetzt sind es nur noch Trümmer." 

Menschen können so brutal sein.

Brutal und schwer für mich in Wort zu fassen. Es tut weh, seine Stadt so zerstört zu sehen. Die Erinnerung an Tage, an denen in der Stadt ein Leben ohne Gewalt und Probleme möglich war und dann der Blick auf eine zerbombte Stadt. Das ist hart. Natürlich gefällt mir auch meine neue Heimat Mainz sehr gut. Es gibt hier viele nette Menschen. Aber es gibt auch Momente, in denen ich meine Heimat, meine Familie und meinen Bruder, der in Aleppo lebt, vermisse. Aber trotzdem bin ich ein optimistischer Mensch und gebe die Hoffnung auf Frieden und eine bessere Zukunft nicht auf. So schwer es manchmal auch fällt, positiv nach vorne zu blicken.

Ein Blick nach vorn: Du hast bereits in Aleppo studiert. Welche Vorstellungen für die Zukunft hast du?

Das stimmt. Ich habe sogar schon ein Uni-Abschluss. Mein Studiengang in Syrien hieß "Textil-Ingenieurwesen". Das ist eine Abteilung von Maschinenbau. Wir haben gelernt wie verschiedene Textil-Verarbeitungsmaschinen aufgebaut sind und haben uns mit dem Aufbau und der Verarbeitung von Stoffen beschäftigt. Das habe ich insgesamt fünf Jahre studiert. Mein Wunsch ist, darauf aufzubauen und es im besten Fall in Deutschland fortzusetzen.

Wieder geht der Blick auf den Computerdesktop. Bashar gibt den Namen verschiedener Universitäten ein. Die Logos der Hochschulen aus Aachen, Stuttgart und Dresden blinken auf. Bashar klickt sich munter durch die Uniportale.

Sind da interessante Studiengänge dabei?

Die Uni Aachen bietet den Studiengang "Kunst und Textiltechnik" an. Das klingt sehr spannend. Mein Wunsch ist es, in Aachen weiter studieren zu dürfen. Mein syrischer Abschluss ist auch ins Deutsche übersetzt und anerkannt. Damit gilt mein Zeugnis auch in Deutschland und ich darf ein Masterstudiengang in Deutschland anfangen.

"Eigentlich?“ Aber das ist leichter gesagt, als getan...?

Naja, die Ingenieurkammer Rheinland-Pfalz hat mein beglaubigtes Zeugnis aus Syrien anerkannt (Anm. d. Red. es ist mit einem Bachelor-Abschluss gleichzusezten), sodass ich prinzipiell mich auf einen Masterstudiengang bewerben oder arbeiten dürfte. Das ist schon mal positiv. Nur fehlt mir noch das geforderte Sprachniveau, um an deutschen Hochschulen weiterstudieren zu dürfen. Dafür muss ich entweder eine DSH-Aufnahmeprüfung an einer Uni bestehen oder den B1-Kurs mit erfolgreicher Prüfung abschließen. 

Während des Gesprächs laufen wir mit Bashar den Weg vom Forum zum Philosophicum entlang. Vor dem GFG-Gebäude bleiben wir kurz stehen. "Ich mag die Mischung aus alten und neuen Gebäude hier", erzählt Bashar. 

Wie ist das an der Uni Aleppo gewesen? Gibt es dort mehr alte Gebäude und Hörsäle?
Das auf jeden Fall. Es gibt auch keine knallgrünen Gebäude (lacht). Ich denke auch, dass die Uni in Aleppo insgesamt größer ist. Das müsste ich mal nachsehen. 

Wikipedia ist als schnelle Informationsquelle zur Stelle. Vor dem Bürgerkrieg war die Uni Aleppo Lernort für über 60.000 Studierende lässt die Enzyklopädie uns wissen. Im Artikel springt der Unterpunkt "Bombenanschlag" ins Auge. "Am 15. Januar 2013 sind bei einem Bombenanschlag 82 Menschen getötet und 160 verletzt worden", heißt es bei Wikipedia weiter.

Das ist heftig. Anfang des Jahres 2013, da warst du noch Student auf diesem Campus. 

Ja, nicht nur Student. Zu diesem Zeitpunkt habe ich eine Prüfung in einem anderen Gebäude auf dem Campus geschrieben. Als die erste Bombe einschlug, zerbrachen auch bei uns im Prüfungssaal die Fenster. Jeder ist in Deckung gegangen und konnte nichts anderes machen als zu warten, bis alles vorüber ist. An dem Tag sind alle Prüfungsteilnehmer dann nach Hause gegangen.

Es ging aber schon am nächsten Tag ganz normal für uns Studenten weiter. Nur die Fakultät am unmittelbaren Einschlagsort war für kurze Zeit geschlossen. Ich war drei Tage später für eine andere Klausur an der Uni. Es war Prüfungszeit, die abgebrochene Klausur am Anschlagstag wurde einfach ein paar Tage später nachgeholt.

Schwer nach der Erzählung einen runden Abschluss für das Gespräch zu finden.

Es fällt mir definitiv nicht einfach, diese Erinnerung und Tage hinter mir zu lassen. Aber die Hoffnung und das Ziel, in Deutschland weiter zu studieren, motivieren mich. Das gibt mir Kraft.

Bashar, herzlichen Dank für das Gespräch. Wir wünschen dir viel Erfolg und alles Gute für deine Zukunft.