Eine Autofahrt wird zum Theaterereignis

15.02.2017
Studium, Freizeit
mgw

Die Performance simulierte eine Autofahrt quer durch Europa. Mit im Van sitzen die Zuschauer. (c) Rudolf Wichert

Petya Alabozova lässt das Publikum Teil ihrer Geschichte werden (c) Rudolf Wichert

Ein Studium der Theaterwissenschaft in Mainz ist vielseitiger und spannender, als mancher es vermutet. Ein Seminar wie Theater sehen! eröffnet völlig neue Sichtweisen. Die Studierenden trafen auf ein besonderes Format: die Performance AUTO von Milena Wichert & Company.

Die Übung Theater sehen!

Ziel der Veranstaltung ist es, den analytischen Blick zu schulen. Es gibt eine große Bandbreite an theatralen Ausdrucksformen: Schauspiel, Oper, Tanztheater, rituelles Theater, Performance, Operette, Musical. Ebenso vielfältig sind die medialen Möglichkeiten, mit denen sich diese Formen präsentieren.

Theater sehen! meint also genau das, was es ist: Die Studierenden sind dazu aufgefordert, Vorstellungen zu besuchen. Die beiden Dozentinnen Annika Rink und Nikola Schellmann orientieren sich dabei an den aktuellen Spielplänen der Region. Zu den Besuchen zählten in diesem Semester demnach Inszenierungen in Frankfurt, Wiesbaden und Mainz. Ein interaktives Projekt der Master-Studierenden des Faches auf dem Campus gehörte ebenfalls dazu.

AUTO – Milena Wichert & Company

Das junge, bisher vor allem in Frankfurt aktive Kollektiv Milena Wichert & Company mit ihrer Performance AUTO wurde von Rink und Schellmann extra nach Mainz geladen. Grund ist das Format, das nur mit der stark begrenzten Zahl von elf Zuschauern funktioniert, aber oft genug angeboten werden sollte, damit alle Teilnehmenden der Theater sehen!-Übung partizipieren konnten – immerhin über achtzig Leute. Die Performance fand im Vorlesungssaal P1 des Philosophicums statt, wohlgemerkt aber ausschließlich als experimenteller Kursbesuch und nicht als öffentliche Veranstaltung.

Die Studierenden betraten den Bühnenraum des P1 und nahmen auf Autositzen Platz, angeordnet zu einem überdimensionalen Van. Als einzige Performerin begrüßte Petya Alabozova alle Teilnehmenden und leitete ein lockeres Gespräch ein, das sich nach und nach zu einer farbenfrohen Beschreibung ihrer zwölftägigen Reise von Frankfurt nach Sofia entwickelte. 

Eine Videoprojektion auf einer Leinwand vor den Sitzen simulierte die Autofahrt quer durch Europa, auf der die verschiedensten Menschen zu Wort kamen, bei denen Alabozova mitfuhr. Der Abend gestaltete sich unterhaltsam und nachdenklich. Er fragte nach der Idee der europäischen Gemeinschaft, nach der Suche nach Zugehörigkeit, nach gemeinsamen Erkennungszeichen und Werten, nach der ökonomischen Zweckgemeinschaft.

Worum geht es bei AUTO?

Hinter dem Konzept steht das Prinzip einer digitalen Mitfahrzentrale: Im Internet können Nutzer Mitfahrangebote und -gesuche vermitteln. Die Performance basiert auf Alabozovas realen Erlebnissen. Die Schauspielerin ist Teil von Milena Wichert & Company. Das Kollektiv besteht aus unterschiedlich ausgebildeten Theaterschaffenden, deren zweites Projekt AUTO bereits im Sommer 2016 im Frankfurt LAB (“Labor der Moderne“) mit acht Aufführungen Premiere feierte.

Naiv, offen, neugierig und abenteuerlustig riss uns Petya Alabozova mit. Sie imitierte die Menschen, denen sie und Regisseurin Milena Wichert auf ihrer gemeinsamen Fahrt begegnet waren – teilweise dubiosen Gestalten mit fragwürdigen politischen Statements, “Zigeuner“-Hassern und Putin-Anhängern. Alabozova blieb dabei auf der Ebene der jugendlichen Naivität – sie urteilte nicht, sie mahnte nicht, ja sie konnte es eigentlich kaum fassen, was sie gehört und erlebt hatte. 

Gerade deswegen gewann das Konzept an ästhetischem Wert und brachte seine Intention deutlich zum Ausdruck. Die Zuschauer wurden aktiv als Gesprächspartner einbezogen und zur Interaktion herausfordert, wobei es auch zu komischen Momenten kam, als etwa serbischer Schnaps ausgeschenkt wurde – oder zu einer gewissen Beklemmung, als Alabozova in der Rolle eines Grenzpolizisten in Nebel und Dunkelheit den Van mit einer kalt leuchtenden Taschenlampe durchsuchte. In der Nachbesprechung wurde klar, wie intensiv die Zuschauer die Performance erfahren und wie gut sie sich auf das Prinzip eingelassen hatten.

Ein abwechslungsreiches Studium

Selbst unter einigen Studierenden des Faches genießt die Theaterwissenschaft in Mainz einen sehr theoretischen und trockenen Ruf. Manche vermissen praktische Seminare, wie es sie beispielsweise in theaterpädagogischen oder künstlerischen Ausbildungen gibt. 

Die Mainzer Theaterwissenschaft ist jedoch eindeutig geisteswissenschaftlich ausgerichtet – nichts Ungewöhnliches. Wer praktische Erfahrung sammeln möchte, dem stehen viele Möglichkeiten parallel zum Studium offen. Ein weiterer Pluspunkt der Mainzer Theaterwissenschaft ist ihre breitgefächerte Auslegung als Schnittstelle mehrerer Disziplinen.

Nicht zuletzt zeigt ein Seminar wie Theater sehen! die Spannungsfelder und Komplexität auf, denen sich die Studierenden widmen. Theater kann unterschiedliche, manchmal schwer fassbare Formen annehmen, die dem gemeinen Theatergänger vielleicht nicht so geläufig sind. Es gilt, mit diesem Pfund zu wuchern. Wer in Mainz Theaterwissenschaft studiert, erweitert seinen Horizont und lernt die Welt und auch sich selbst ein Stückchen besser kennen. Und wird durch Performances wie AUTO vielleicht zu eigenen Projekten inspiriert.